6
Jul
2008

Mein kleiner lieber Kobold

Es dauert immer eine Weile, ehe ich nach dem Mittagsschlaf zu mir komme. Was ist überhaupt los? Wo bin ich? Langsam finde ich mich zurecht, ich bin zu Hause, in Deutschland, in Berlin und liege auf meiner Couch, die wollene grüne Decke habe ich anscheinend im Schlaf mit den Füßen von mir gestoßen. So, jetzt weiß ich Bescheid. Vor dem Einschlafen hatte ich doch noch mit meiner Tochter telefoniert. Die Kleine, ist einfach abgehauen aus dem Krankenhaus, „merkt eh keiner, abends bin ich wieder da.“ Ich muss mich erst mal aufrichten, Blei in den Adern, ich brauch' jetzt einen Kaffee. Ich hatte sie doch etwas gefragt, ach, wegen ihrer Schwangerschaft, ist nicht so wichtig.
Der Mund verzieht sich von allein zum Gähnen, jetzt aber hoch. Ich schalte das Flurlicht an, das heißt, ich möchte es gern anschalten und – es knallt laut. Der Flur bleibt dunkel, ich bin munter. Der Flur ist nicht so dunkel wie in der Nacht, rabenschwarz, wenn die Gespenster spuken. Es bleibt noch genügend Licht aus der Stube, der Flur ist dämmrig, und ich überblicke sofort die Sachlage. Am anderen Ende des langen Flures ist eine Lampe explodiert, der Knall setzte sich genaugenommen aus zwei Knallen zusammen, einmal das helle Klirren der Lampe und zum anderen das harte Klacken der Sicherung. Was soll das? So eine schöne große weiße Lampe, groß wie ein Handball. Kann doch nicht einfach explodieren, das ist ja wie ein Mordanschlag. Haben sie hier in Deutschland keine Sicherheitsbestimmungen in der Lampenindustrie? Sie haben doch sonst für alles Bestimmungen. Und so eine Lampe ist teuer.
Na ja, ich trete erst einmal vorsichtig über die Scherben in die helle Küche und bereite den Kaffee vor. Dabei singe ich, bin ja schließlich allein, hört keiner meine falschen Töne.
Ich bin brech' die Herzen der stolzesten Frauen, weil ich so lalala bin, mir braucht nur eine in die Augen zu schau'n – und schon ist sie hin. Während dessen brodelt und zischt die Kaffeemaschine, scheinbar empört sie mein Gesang. Ich fege die Scherben auf, klacke die Sicherung wieder ein. Die zweite Lampe leuchtet. Na, zum Glück, finde ich immer noch ein Buch, wenn ich es suche. So, ein paar Zigaretten stopfen, Kaffee, Aschenbecher, auf den Sessel fläzen, schalte ich mal die Maschine an. Sie braucht wie immer ihre Zeit. Mein kleiner grüner Kaktus, bambambambamba. Der heiße Kaffee ist gut, den ich schlürfe, hört ja schließlich keiner.
Was mache ich nun, gehe ich gleich in Words, die Geschichte will schließlich raus, ach, ich gucke erst mal ins Internet, das Anwählen, dazwischen das Summen wie von einer Hornisse, jetzt bin ich drin, kann mich keiner mehr anrufen, und das ist gut so, ich hasse das Telefonieren. Zzzschi, irgend etwas zischte an mir vorbei, streifte direkt mein Ohr. Was war das? Nun höre ich ein Kichern, es ist übermütig, zum einen glockenhell, aber es ist auch ein Klirren darin wie vorhin die Lampe. Es spielt hier jemand einen Schabernack mit mir. Ich bin doch allein, oder.
Auf dem Bildschirm baut sich die Leiste über Start auf, ohne dass ich die Maus in der Hand halte, dann: wollen Sie den Computer herunterfahren, ja oder abbrechen, der Pfeil geht auf das Ja, klick, ich tue gar nichts, ein Summen, das Standbild, und alles bricht zusammen. Der Computer ist vom Netz und ausgeschaltet, schwarzer Bildschirm, totes Auge.
„Was soll das, spinnt das Ding?“
Wieder ertönt dieses seltsame Kichern. Jetzt höre ich, wo es herkommt. Auf meiner Deckenlampe sitzt ein kleines Wesen.
„Das war ich“, sagt das Wesen und kichert wieder. Und dann singt es. Dein kleiner lieber Kobold, bambambambamba, lalalalala.
„Du kommst aus dem Internet:“
Das Wesen kichert wieder. „Ein virtueller Kobold.“
Dann fasst es das Gestänge der Lampe an, zieht sich einmal hoch und dann in voller Länge mit gestreckten Armen saust es herum, Riesenwelle, nennen die Turner das.
„He, pass auf“, rufe ich, „du knallst mir hier noch auf den Teppich!“
Mitten im Herumsausen ruft es:
„Dann fängst du mich auf!“
„Nee, nee, so schnell bin ich nicht.“
Der Kobold setzt sich wieder auf die Stange und hält sich mit beiden Händen fest.
„O, jetzt ist mir schwindlig.“
Ich habe es geahnt. Die Schnelligkeit habe ich mir wirklich nicht zugetraut, na, wenn es darauf ankommt, wächst man über sich selbst hinaus. Ich katapultiere mich aus meinem Sessel und bin tatsächlich rechtzeitig zur Stelle. Das Wesen knallt mir direkt in die Arme.
„Siehst du, du hast mich doch aufgefangen!“ Und das Wesen zupft mir so ein wenig liebevoll am Ohrläppchen.
Ich setzte den Kobold behutsam auf meinen Korbsessel, auf den ich immer die Füße hochlege beim Schreiben, während ich die Tastatur auf dem Schoß ablege.
„Sag mal mein kleiner lieber Kobold, vorhin, das mit der Lampe, warst du das?“
Der Kobold grinst.
„Psst.“
„Aber ich war doch noch gar nicht im Internet?“
Der Kobold hockt in meinem Korbsessel und grinst unentwegt.
„Alles musst du nicht wissen.“
Ich schaue das klitzekleine Wesen an, und es schaut mich an. Wir schweigen lange, lange Zeit. Da kommt mir die Erleuchtung.
„Mein Nachbar, der surft doch andauernd im Internet. Über die Nachbarwohnung bist du auch an die Elektrik gekommen, denn die Zuleitung für beide Wohnungen ist die gleiche.“
„Schiet“, sagt der Kobold, „wie hast du das rausgekriegt?“
„Schließlich war ich einst Elektriker.“
Nun lachen wir beide.
„Das sage ich, es ist nichts passiert, aber die Lampe ist teuer.“
Jetzt bin ich streng und guck auch so.
Das Wesen versteckt ein wenig sein Köpfchen, wie ein kleines Kind, das sich schämt.
„Dafür erfülle ich dir einen Wunsch.“
„Was für einen Wunsch, ich bin wunschlos glücklich.“
„Wirklich?“
Was ist mit diesem Kobold? Wie gut kennt er mich? Habe ich schon zuviel Texte ins Internet gegeben?
„Ich kann mich zum Beispiel verwandeln“, flüstert das Wesen leise.
„Wie verwandeln?“
„In jeden Menschen, den du jetzt bei dir haben möchtest.“
Nun klopft mein Herz. Es hat tatsächlich meinen einzigen Schwachpunkt entdeckt. Ich seufze.
Dann sitzt sie da im Korbsessel, leibhaftig, ihre Augen leuchten, und sie lächelt. Ihre strahlend weißen Zähne in dem schwarzen Gesicht, sie ist so schön.
„How do you do. I hope, fine.
`”Yes, I am fine and you?”
“Also.”
“I want you give a kiss.”
“Yes, yes.”
Ich beuge mich vor, um sie zu küssen, möchte sie umarmen, da schrumpft sie zusammen zu dem kleinen Kobold. Er kichert.
„Alles nur Fantasie, virtuelle Gedanken.“
Ohne ein Wort zu verlieren, schalte ich die Maschine ein, da kann der kleine liebe Kobold noch so traurig gucken, hinein ins Internet – und zzzschi heraus aus meinem Korbsessel.
Und ich kann endlich wieder meine Füße hochlegen.

Charly
9

4
Jul
2008

Die Reise 4

4

Er wachte auf wie ein Krokodil, dass hundert Jahre geschlafen hatte und plötzlich die Augen öffnete und nicht weiß, ob es noch schlief oder nur mit offenen Augen weiter träumte.
Irgend woher kamen Stimmen, ein Kind war dabei. Einer der Vorhänge bewegte sich leicht, sie leuchteten matt gelb, weil draußen die Sonne schien. Das große Fenster der Terassentür war an gekippt.
Warum liege ich hier am helllichten Tag, warum bin ich nicht auf der Arbeit?
Martin drehte den Kopf zum Wecker. Es war vier Uhr.
So nach und nach ordneten sich seine Gedanken wie Puzzles zu einem Bild.
Die Frauen saßen im Garten, Sybilles Stimme klang ganz deutlich zu ihm herüber. Tinchen, die Kleine musste schon da sein. Ein Baby greinte.
Ist ja gut, ist ja gut, Sabines Stimme, schlaf noch ein wenig, bald kommt der Opa.
Der Opa bin ich, dachte Martin und schaute mit großen Augen gegen die Zimmerdecke, die blau gemalt war mit weißen Wolken, kaum zu sehen, so schummrig war es... die Vorhänge hielten dicht, als wollten sie etwas verbergen.
Sybille hat aus unserem Schlafzimmer ein Kinderzimmer gemacht, dachte er und staunte, als erkannte er es zum ersten Mal.
Dann hörte er die Stimme des Jungen.
Warum schläft denn der Opa am Tage, ist er krank?
Psst, das war wieder Sybille, der Opa ist jetzt Rentner, und da braucht er nicht mehr zur Arbeit, weißt du, und er kann am Tage ein Schläfchen machen wie du im Kindergarten...
Martin lächelte und staunte.
Wenn er am Tage ein Schläfchen macht, bringst du ihn dann auch in den Kindergarten?
Das helle Lachen eben, das war von Tinchen.
Jetzt gluckste ihre Stimme vor Vergnügen, Martin gluckste ganz leise mit.
Ja, sagte seine jüngste Tochter und Mutter des Kindes, die Oma bringt jetzt Opa in den Kindergarten...

Martin senkte den Blick, er war nackt und nur mit einem Laken zugedeckt. Draußen kam eine kurze Windböe auf und wie im Echo bewegte sich wieder der eine Vorhang.
Beim Mittag hatte er mindestens zwei Whisky zu viel getrunken. Langsam kamen die Erinnerungen zurück wie verlorenen Kinder, die Heim finden, bevor es beginnt zu regnen.
Sybille hatte ihn unter gehakt, als sie aus dem Taxi gestiegen waren und direkt ins Schlafzimmer geführt. Er hob etwas den Kopf an, seine Sachen lagen verstreut auf der beige farbigen Auslegware wie die Trümmer einer verlorenen Schlacht., auch sein Jackett mit der weißen Margerite im Knopfloch, die aussah, als würde sie lachen.
Es war unglaublich. Er ließ den Kopf zurück auf das Kissen fallen.

Na du böser Mann, hatte sie geflüstert und versucht, ihrer Stimme einen verruchten Klang zu geben, wirst du jetzt endlich mehr Zeit haben für deine kleine dumme Frau...

Er schloss die Augen in einer gewissen Ergebenheit. Jetzt wurden die Stimmen leiser. Komm, kleiner Mann, wir decken jetzt den Kaffeetisch, damit der Opa an seinem ersten Rentnertag mit uns Kaffee trinken kann... die Geräusche entfernten sich.
Martin wusste, dass sie jetzt alle in die Küche gegangen waren.

Sybille hatte sich nieder gekniet und ihm die Hose geöffnet. Dann hatte sie den kleinen Martin in den Mund genommen. Er war hin und her geschwankt.
Sybille, was soll denn das, du musst so was nicht machen, das passt nicht zu dir. Schließlich hatte er sich ihre blonden Haare gepackt, sie in seinen Händen verknotet wie Schiffsseile den schwankenden Seemann halten. Natürlich konnte sie es gar nicht richtig... ich mache das nur für dich, gurgelte ihre Stimme, als wäre sie am Ertrinken. Das war das Problem, Martin behielt es für sich, sie sollte es für sich tun, wenn schon... schließlich stieß sie ihn aufs Bett, riss sich die Kleider vom Leibe und anschließend seine auch.
Martin tat das, was er immer tat, wenn er mit ihr schlief, er schloss die Augen und stellte sich andere Frauen vor...

Jetzt begann das Baby wieder zu weinen. Es musste allein sein im Kinderwagen auf dem Rasen im Schatten des Birnbaums. Was trieben sie nur so lange in der Küche? Schwatzen natürlich.
Das Weinen hörte nicht auf.
Er drehte sich und schaltete die kleine orange Nachttischlampe an. Das Baby wurde lauter, keine Frage, es rief nach ihm.
Martin stand auf und wickelte sich das braune Laken um die Hüften wie ein Inder seinen Sari, aber nein, so hieß ja das indische Frauengewand. Ihm war es egal, er zog die Vorhänge auf, klappte die Tür zu und entriegelte sie, um sie dann weit zu öffnen. Die Sonne blendete ihn, als würde er eine erleuchtete Bühne betreten wie ein Schauspieler, der hinter dem Vorhang hervor kommt. Was für ein Stück wurde gegeben?
Etwas ungeschickt hielt er sein provisorisches Hüfttuch fest und hüpfte über den Rasen zum Birnbaum.
Hallo Baby, sagte er und schaukelte den Wagen. Sofort hörte das Kind auf zu weinen und lachte ihn an.

Natürlich erschienen nun die Frauen mit dem Jungen, alle trugen Geschirr und Tortenschalen, Kaffeekanne, selbst der Kleine trug eine Glasschüssel mit frisch geschlagener Schlagsahne. Tinchen lachte.
Auch Sybille lachte. Hast du schon ausgeschlafen, fragte sie.
Martin hielt seine Wange hin, um sich vom Tinchen und von dem Kleinen je einen Kuss auf die Wange geben zu lassen.
Wenn ihr mich hier allein mit dem schreienden Baby lasst, Martin spielte etwas den Entrüsteten, kann ich ja schlecht schlafen.
Dann könne wir ja Kaffee trinken, Sybille warf ihm eine langen Blick zu, in dem ein gewisser Triumph glänzte, als wäre sie eine Siegerin der Mittagsschlacht.
Martin zwinkerte Tinchen zu.
Ich ziehe mir was über. Er lief etwas ungeschickt zurück zur Terassentür des Schlafzimmers. Kurz vorher drehte er sich noch mal um.
Soll ich jetzt etwa den Anzug anziehen?
Sybille lächelte. Ein Bademantel reicht... später zur Party musst du dich natürlich wieder schick machen, wenn die Gäste kommen.

Bevor er das Schlafzimmer betrat, hörte er die Stimme Tinchens. Habt ihr etwa noch Sex?
Er zog die Tür grinsend hinter sich zu. Des kleinen Pauls Stimme trompetete, Oma, was ist den Sex? Während er ins Badezimmer ging, konnte er sich genau vorstellen, was Oma antwortete.
Wenn ein Mann und eine Frau sich ganz toll lieb haben, dann küssen sie sich und streicheln sich, das ist Sex...
27

3
Jul
2008

Armin Müller-Stahl

So ist gut. Die Kühle kommt wie ein guter Whisky mit Eis. Die Stadt ist schlafen gegangen, nur vereinzelte Trinker grölen und hadern mit ihrem verpfuschten Leben. Eine leichte Brise streichelt mich wie ein Schmetterlingsflügel aus Samt. Ich bin allein und betrinke mich nach und nach planvoll, allein auf dem Balkon. Alles ist unglaublich friedlich.
Dann sitzt dieser Kerl mir plötzlich gegenüber. Er sieht irgendwie zerzaust aus. Wie ein herunter gekommener Stadtstreicher, den das Leben zum Philosophen gemacht hat. Und er grinst schräg von unten her.
Zufrieden, fragt er.
Mein Schweigen scheint ihn nicht zu stören. Wortlos nimmt er den Whisky entgegen und wartet. Ich trinke einen Schluck und lasse mich dabei beobachten. Die Blätter der Straßenbäume rascheln ganz leise.
Warum sollte ich nicht zufrieden sein?
Langsam trinkt er einen Schluck, danach gewinnt er an Haltung.
Du antwortest mit einer Frage.
Über den gelben Mond streicht der Schatten eines Vogels. Das ist der Mann, der entdeckt hat, dass er fliegen kann.
Er wartet.
Man muss ja nicht unbedingt fliegen, sage ich und der Whisky kitzelt meinen Schlund. Der kommt immer nach dem Mund. Ist auch so ein blöder Reim.
Nein, sagt der Kerl, man muss gar nichts. Aber wenn man weiß, dass man...
Dass man was, frage ich.
... dass man fliegen kann.
Warum zieht diese Pfeife denn schon wieder nicht ordentlich?
Könnte, sage ich.
Dann sollte man es auch tun, sagt er und trinkt aus.
Dann bin ich wieder allein in der Kühle und Behaglichkeit.
Warum, frage ich in die Nacht.
Um zufrieden zu sein, tönt eine Stimme vom Mond.
Ich sollte nicht so spät Fernsehen schauen.
Der Whisky schmeckt nicht mehr.
207

2
Jul
2008

Erdbeerzeit

Sie waren gut durch den Stau gekommen, denn Dieter kannte ein paar Schleichwege, wie er bei jeder Gelegenheit stolz verkündete. Obwohl Sabine dachte, dass die meisten Autofahrer der Stadt diese Schleichwege benutzten, und sie ganz einfach wieder einmal Glück hatten, schwieg sie, als er prahlte, wie immer. Sie schwieg zu oft, er sprach zu viel.
Sabine bekam das Gefühl, von Woche zu Woche vermehrten sich die Erntelasten, wenn sie in den warmen Monaten des Jahres am Sonntag abend von ihrem Garten heimkehrten. Der Garten wucherte bis in ihre Stadtwohnung hinein. Seine Fruchtbarkeit wuchs unaufhaltsam: Sie allein trug vier große Körbe gefüllt mit frischen Erdbeeren und hatte Mühe, das Eingangstor zu öffnen. Dieter folgte drei Schritte hinter ihr, mit schweren Taschen beladen, Mohrrüben und Kohlrabi und Rettich.
„Warten Sie“, hörte Sabine auf einmal eine Männerstimme, „ich halte Ihnen das Tor auf.“
Sabine lächelte bereits, als sie aufsah. Sie hatte den Nachbarn aus dem Hinterhaus sofort an seiner Stimme erkannt. Er lächelte zurück. Seine Augen funkelten lustig, möglicherweise zwinkerte er ihr sogar zu. Er drückte die große Tür auf, ohne richtig von seinem Fahrrad abzusteigen und ließ sie und Dieter durchgehen, um sich ihnen dann anzuschließen.
„Na, das Wochenende hat sich gelohnt, die Erdbeeren duften verführerisch“, bemerkte der Mann und zeigte mit einer Hand auf die Körbe, wenn sie sich nicht täuschte, klang ein kleiner Spott in seiner Stimme mit..
Dann beugte er sich vor, um sein Fahrrad anzuschließen. Der ganze Flur stand voller Fahrräder in dieser Jahreszeit.
Am liebsten würde Sabine sagen:
„Morgen backe ich eine Erdbeertorte, und dann bringe ich Ihnen ein Stück.“ Aber sie verschluckte den Satz. Manchmal fühlte sie es selbst als ihre Eigenart, Worte und Sätze nicht auszusprechen. Inzwischen kostete es sie keine Mühe und schmerzte schon lange nicht mehr. Dafür sprach ja Dieter laut genug.
„Ja, junger Mann, riecht gut, schmeckt gut, macht aber einen Haufen Arbeit.“
Der Nachbar lachte und antwortete:
„Ja, so ist das Leben, kein Genuss ohne Arbeit, zum Glück bin ich frei davon, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.“
Er lächelte kurz zu Sabine hinüber, die errötend flüsterte.
„Ihnen auch noch einen schönen Abend.“
Sie könnte sich selbst ohrfeigen, da sie wie ein junges Mädchen reagierte. Doch hinter seinem Rücken fiel schon die zweite Tür zum Hinterhof zu, wahrscheinlich hatte er ihre Flüsterworte gar nicht mehr gehört. Langsam stieg sie die Treppe hoch. Unter ihr schnaufte Dieter.
„Ich möchte mal wissen, was dieser Kerl sich dabei denkt, dich so anzustarren, als wärst du eines seiner Weiber.“
Sabine lachte ungewohnt laut auf, während sie die Körbe auf den Boden stellte. Sie kramte nach dem Wohnungsschlüssel.
„Dieter, was du für einen Unsinn redest, du bist doch nicht etwa eifersüchtig“, sprach sie möglichst leichthin und öffnete die Tür.
„Nee“, antwortete Dieter und schob sich einfach an ihr vorbei, „für den bist du zu alt.“

Eine Stunde später stand sie in der Küche und putzte Erdbeeren. Dieter saß im Wohnzimmer und sah fern. In der Wohnung schwiegen sie seit Jahren gemeinsam. Er schaffte es immer wieder Sportsendungen zu finden, die sie langweilten, aber genau genommen war es ihr schon lange egal. Für sie war Dieter wie ein Gast in der Wohnung, den man halt zu erdulden hatte. Erst wenn er in der Woche tagsüber arbeiten ging, war diese Wohnung ihr Heim, und manchmal drehte sie sogar das Radio laut auf. Dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis er in Rente gehen würde, verdrängte sie wie einen bevorstehenden Tod.
Die Dämmerung schlich behutsam in die Küche und brachte ein laues Lüftchen mit.
Sabine schaltete die Lampe an und ging zum Küchenfenster, um es weit zu öffnen. Gegenüber im Quergebäude erblickte sie eine Etage höher den Nachbarn. Auch er hatte sein Fenster weit geöffnet, saß an einem Tisch und schrieb offenbar. Sie hielt einen Moment inne und beobachtete ihn und wähnte sich selbst unbeobachtet. Ihr Herz schlug schneller, das empfand sie als angenehm. Vielleicht, überlegte sie, schreibt er ein Liebesgedicht für eines seiner Weiber, und sie lächelte; er wirkte so versunken und konzentriert. Vielleicht, dachte sie dann und seufzte, schreibt er auch nur die Steuererklärung.
Auf einmal durchfuhr sie ein Schreck. Wenn er jetzt hochschaut, erwog sie, sieht er mich hier im Fenster stehen und zu ihm hinüberstarren.
Schnell ging sie wieder zurück zu ihrem Erdbeerberg und bemühte sich, nicht zum Fenster zu blicken. Ihr fiel ein, er könne sie deutlich von der Seite sehen, und die Arbeit ging ihr leichter von der Hand.
Sabine verließ in einem plötzlichen Einfall die Küche und betrat das Bad und
betrachtete sich im Spiegel. So, so, überlegte sie, während ihr Augen achtsam die Falten im Gesicht und die schlaffe Haut am Hals verfolgten, ich bin also alt. Sie war selbst darüber verwundert, dass dieser Gedanke sie belustigte und ein Lächeln erschien. Aber deswegen bin ich noch lange nicht hässlich, gab sie sich selbst die Antwort und kämmte sorgfältig das von grauen Strähnen durchzogenes Haar. Und das Lächeln verschwand nicht aus ihrem Gesicht, als sie wieder die Küche betrat.
Der Nachbar gegenüber stand nun in seinem Fenster und schaute auf den Hof und rauchte eine Zigarette. Er schaute direkt in ihre Küche hinein.
Sabine schritt zu ihren Erdbeeren und bemerkte, wie der Nachbar den Arm zum Gruße hob. Sie beschloss diesen Gruß zu ignorieren, und senkte den Kopf und putzte konzentriert. Ich bin eine blöde Gans, kam es ihr in den Sinn und in einem plötzlich Entschluss drehte sie sich zur Seite und hob den Arm als Antwort. Der Nachbar lachte, und Sabine lachte zurück. Ihr war leicht zumute.

Wie immer ging Sabine früher ins Bett als Dieter. Es war seine sonntägliche Gewohnheit sich im Dunkeln auf sie zu legen. Sie empfand den Sex nicht mehr als unangenehm und bemühte sich, dabei an etwas Schönes zu denken.

Mitten in der Nacht wachte sie auf. Es war stockfinster.

Sabine bekam ein seltsames Gefühl und erhob sich. Sie ging in die Küche ohne das Licht einzuschalten. Im Fenster des Nachbarn stand eine brennende Kerze, und sie sah den Mann dort stehen wie ein Schemen. Er kann mich ja gar nicht sehen, überlegte sie ruhig. Doch wie in einem Zauber schlug ein einziger Lichtstrahl eine Brücke zu ihr. Sabine staunte, auf einmal waren nur sie beide auf der Welt im gelben Licht. Der Nachbar breitete seine Arme aus und setzte einen Fuß auf die Brücke. Auch sein Gesicht leuchtete und wurde überirdisch deutlich sichtbar, und er wandelte auf dem Strahl direkt auf sie zu. Wie schön er ist, ungläubig lächelte Sabine und betrat ebenfalls die Zauberbrücke und breitete ebenfalls die Arme aus.
Mitten im Hof trafen sie sich.
„Ich bin doch viel zu alt für die Liebe.“ Sabine flüsterte, ja sie hauchte die Worte. Eine Geige setzte ein und spielte eine einfache Melodie. Sabine sah ein kleines Mädchen schweben, das spielte, und sie fragte sich, woher kenne ich nur das Kind.
„Für mich bist du nicht zu alt, du bist wunderschön“, sprach der Nachbar.
Und sie umarmten und küssten sich. Aus dem Himmel aber klangen die Geigen eines ganzen Orchesters.


Mitten in der Nacht wachte sie auf. Es war stockfinster.

Sabine hörte ein Grollen, offenbar kündete sich ein Sommergewitter an. Alle Fensterflügel waren weit geöffnet, um Kühle in die Wohnung zu bringen. Sie stand auf und schloss zuerst in den Zimmern und im Bad die Luken zur Straßenseite. Zum Schluss ging sie in die Küche. Sie stellte sich ans Fenster und wartete auf das Gewitter und starrte ins Dunkle gegenüber.
Sturmböen wirbelten, Blitze zuckten, Donner krachten, die ersten schweren Regentropfen platzten auf das Brett aus Blech. Sabine genoss das Naturschauspiel, bis der Himmel flutete und die Wassermassen herab schwollen, da schloss sie auch hier die Flügel und ging wieder ins Bett.

Am Morgen wachte sie wie stets als erste auf und ließ Dieter schlafen.
Bevor sie das Frühstück bereitete, öffnete sie weit das Küchenfenster. Beim Nachbarn blieb es geschlossen. Er schläft lange, dachte Sabine und schmunzelte vor sich hin. Die gewaschene Luft genoss sie als eine Wohltat, und sie atmete tief und glücklich ein und aus.
31

1
Jul
2008

Sommernachmittag auf dem Balkon

Der Tag verläuft sich in der Stille eines sonnigen Nachmittags auf dem Balkon und sucht seinen Weg in den Abend. Die Bienen sind zu müde herum zu summen und dösen auf den Blüten der Geranien. Ich verfolge den weißen Qualm meiner Tabakspfeife und träume von vergangenen Zeiten in Afrika. Nichts, was war, kommt wieder und trotzdem begegnet man sich im Leben immer ein zweites Mal.
Was wissen wir schon vom Reich der Toten, monatelang wachte ich am Bett meiner Liebe, und sie befand sich in einer Zwischenwelt des Wachkomas.

Das musste ähnlich gewesen sein wie auf einem Bahnhof, welcher Zug wird kommen? Kommt überhaupt noch einer?
Grasbüschel wuchsen wie Hundert kleine Inseln aus den Fugen der zerbrochenen Gehwegplatten auf dem Bahnsteig, hier war niemand und von den Wartebänken blätterte die verwaschene grüne Farbe ab wie welkes Laub von den Bäumen im Herbst. Da herrschte überall diese Stille und die Sonne, der Schatten der alten Litfaßsäule war ganz kurz. Für jeden Atemzug brauchten wir eine Ewigkeit und über das endlose Warten vergaß uns die Welt. Die Zeit war stehen geblieben. Auf den verwaschen und vergilbten Plakaten der Säule lächelten müde Schauspieler von Filmen, die niemand mehr ansah. Wir selbst waren zu Schauspielern geworden und unser Lebensfilm wurde zu einem alten Streifen, vergilbt und vergangen...
Dein kleiner kahler Kopf ruhte wie ein junger Spatz in meiner Handfläche, deine großen dunklen Augen waren tiefe Seen, schon blind, suchten sie mich noch. Doch meine Stimme war verstummt, selbst das heisere Flüstern von Geschichten aus einer Welt, die lebte, erstarb wie ein letztes vergebliches Röcheln.
Wir befanden uns in einem weiten Niemandsland, jenseits von Trauer und Schmerz.
Alles lag schon Ewigkeiten zurück, irgend welche gewissenlose Menschen hatten meine Liebe ermordet und wieder zurück geholt in diese Zwischenwelt eines verlassenen Bahnhofs.
Selbst die Verzweiflung und der Hass hatten sich ermüdet. Über allem lag diese Schläfrigkeit, die Trauer hatten wir hinter uns gelassen.
Warten, warten, warten.
Am Horizont flimmerte die Hitze, bis ein erstes kühlen Lüftchen auf kam. Zuerst fühlte ich die winzige Unruhe in meiner Handfläche, dann sah ich dort in der Ferne den Zug ankommen. Anfangs war er so klein wie eine Eisenbahn aus dem Spielzeugland.. Im Gesicht meiner Liebe entdecke ich einen Hoffnungsschimmer Eine kleine freudige Erwartung.

Und dann stand der Zug am Bahnsteig, groß und leer. Kein Mensch war zu sehen. Meine Liebe erhob sich wie in einem Traum, lächelte zum Abschied und stieg ein. Ich war gelähmt, denn das war der Zug ins Jenseits. Schnaufend setzte er sich in Bewegung, ich saß starr auf der Bank und sah ihm nach.
Keine Trauer, nur eine große Verwunderung und Leere. Leer geweint.

Es war schon am Abend, da ging ich allein nach Hause. Von nun an wird nichts wieder so sein, wie es mal war. Ich habe den Zug ins Jenseits gesehen, ich sah dein Lächeln zum Abschied, und ich sah dich einsteigen...

Jetzt ist fast ein Jahr vergangen. Ich sitze auf dem Balkon in der Nachmittagssonne. Die Bienen sind zu müde, um zu summen. Und der Rauch meiner Pfeife steigt in den blauen Himmel.
Wo bist du jetzt? Wenn die Sonne untergeht in ein blutiges Rot, stehe ich auf und lebe weiter... Verzeih mir den Moment der Erinnerung. Du hast die Füße in meinem Schoß gelegt, deine Augen funkeln vor Vergnügen, während du mir Geschichten von Afrika erzählst...
Irgendwo in der Ferne höre ich ein irrendes Lachen.
37

30
Jun
2008

Die Reise 3

3

Martin sah sich um. Hier hatte sich nichts verändert, hier wird sich nie etwas verändern. Das dunkelbraune Mobiliar wirkte gediegen und zeitlos. Wenn man genau hinsah, schimmerte das Holz etwas rötlich. Sie hatten einen Nischenplatz.
Zwischen den Tischen befanden sich Raumteiler, fahrbare Türen mit Holzrahmen und Milchglas. In dem Glas zeichneten sich wie fein gezeichnet die Formen von Vögeln und Blumen ab, wahrscheinlich Kraniche oder Pelikane und Orchideen.
Erinnerst du dich, flüsterte Sybille und beugte sich etwas vor. Ihre Wangen waren gerötet, und ihre Augen funkelten, als hätte sie eine Verschwörung ausgeheckt.
Martin lehnte sich an, die Stuhllehne war so hoch, dass er auch seinen Kopf anlehnen konnte.
Woran, fragte er.
Natürlich wusste er, woran, aber er mochte diese Sentimentalität Sybilles nicht.
Sie lächelte, aber das weißt du doch.
Wie eine Elfe erschien die Kellnerin, sie trug ein silbernes Tablett, auf dem zwei zusammen gerollte Handtücher lagen.
Mit einer gewissen Ergebenheit setzte er sich etwas steifer hin und ließ den Nacken nach hinten auf der gepolsterten Lehne ruhen. Die chinesische Kellnerin, die natürlich in Wahrheit eine thailändische Kellnerin war, legte ihm ein ein feuchtes warmes Handtuch auf die Stirn. Sie spitzte die Lippen selbst wie ein Schmetterling, während sie sagte, das ist wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Dann legte sie die Hände zusammen und verbeugte sich.
Martin grinste, er beobachtete es aus den Augenwinkeln.
Die Elfe war davon geflogen, und er saß nun da mit diesem Handtuch auf der Stirn. Und Sybille ebenfalls. Sie lächelte selig und hielt die Augen geschlossen.
Das sagen sie jedes mal, bemerkte Martin und betrachtete die selige Sybille neugierig.
Ja, flüsterte sie, das ist wunderbar entspannend.
Martin schwieg.
Vielleicht zweimal im Jahr besuchten sie dieses Restaurant. Er dachte nach. Irgendwie fand er es ziemlich albern. Und er trug immer noch seinen dunklen Anzug mit der Margerite im Knopfloch. Sybille öffnete die Augen halb, sie waren feucht.
Das erste Mal waren wir am zehnten November 1989 hier, ich erinnere mich genau, ein Tag nach dem Mauerfall, an unserem neunten Hochzeitstag.
Martin grinste, er war auf alles gefasst.
Ja, sagte er mit schrägem Kopf und schielte zu Sybille, das ist schon verwunderlich, der Mauerfall fand vielleicht wegen unseres Hochzeitstages statt. Sybille kicherte etwas.
Du wieder mit deinem Sarkasmus.
Martin lachte.
Die Kinder waren noch so klein, sagte er dann, aber sie waren dabei.
Ja, Sybille dehnte sich, um den Grad ihre Entspannung anzuzeigen. Im Hintergrund klang ein Zupfinstrument.
Ich weiß es noch genau, erst standen wir an der Sparkasse an und holten das Begrüßungsgeld ab. Martin schob mit der rechten Hand das Tuch nach oben auf die kahle Stelle. Dann setzte er sich wieder gerade hin.
Die Kleine werde ich nicht vergessen, sie hörte nicht auf zu kichern, dann faltete sie das Handtuch auseinander und band sich ein Kopftuch daraus.
Sybille lachte auch. Und die Große blieb ganz ernsthaft.
Ich weiß noch genau, was du sagtest, als wir die Sparkasse verließen.
Mit vierhundert Euro, sagte Martin.
Er wartete einen Moment.
Sybille setzte sich nun auch wieder gerade hin. Sie nahm das feuchte Handtuch und legte es auf den Tisch.
Du sagtest, wenn die uns schon annektieren, will ich mehr als dieses alberne Bestechungsgeld, du musst nicht denken, dass ich jetzt durch die Kaufhäuser hetzen, wir suchen uns ein chinesisches Restaurant und verfressen die Beute...
Die Elfe schwebte herbei und sammelte die Handtücher ein.
Martin lächelte sie an.
Das war wie immer wunderbar, sagte er.
Dann waren sie wieder allein mit der Zupfmusik. Von der bunten sechseckigen Deckenlampe hingen Kordelschnüre mit roten Quasten herab.
Ja, und dann fanden wir dieses Restaurant, wir waren ganz allein, meinte Sybille.
Wir haben uns mit Mangosekt betrunken, während auf den Straßen sich die Menschenmassen wälzten. Martin lachte wieder...
Die Elfe brachte die klare Suppe mit ein paar Nudelchen darin in kleinen Porzellanschälchen, die blau bemalt waren mit Buddhafiguren und tanzenden Geishas.
Kann ich ein Bier haben, bat er.
Sybille lächelte, ich möchte Mangosekt.
Wenig später brachte sie die Getränke und für jeden ein Tellerchen mit einem Glückskeks.
Sybille kicherte vergnügt. Da bin ich aber gespannt, sie brach ihren Keks auseinander. Ihr Lippen bewegten sich, als sie lautlos las.
Sie ist so sehr Kindergärtnerin, dass sie sich selbst zu einem Kind zurück entwickelt hat, dachte Martin amüsiert und zog eine Augenbraue hoch.
Nun, was steht auf deinem Zettelchen, fragte er.
Sybille antwortete, ich weiß nicht, das gefällt mir nicht, was steht auf deinem?
Ich zuerst, Martin lachte und brach seinen Keks auf.
„Heute explodieren noch Sterne für dich im Himmel der Nacht“, las er laut. Er zog seine Augenbraue noch ein Stück höher, ich hoffe, du hast kein Feuerwerk organisiert.
Nein, meine Organisation wird wohl eh ein Misserfolg.
Warum, wollte Martin wissen.
„Betrachte jeden Misserfolg als eine Stufe zum Erfolg“, las Sybille laut.
Die kleine Kellnerin brachte die Hauptgericht, Martin aß Ente kross wie immer, mit Spargel und Champignons. Und Sybille aß ein Vogelnest.
Während des Essens, hielt Martin kurz inne, er trank ein Schluck Bier.
Die Kleine, er lachte, hatte sich damals auch ein Vogelnest bestellt, sie dachte, es wäre ein echtes.
Ja, stimmt, Sybille lächelte.
Martin bemerkte, dass sie etwas traurig war.
Als die Kellnerin erschien, um das Geschirr abzuräumen, sagte er, bringen Sie mir bitte einen Whisky und für meine Frau noch einen Mangosekt.
Lächelnd servierte die Kellnerin die Früchte als Nachtisch.
Kommt sofort, sagte sie.
Aber Martins Stimme hielt sie fest.
Hören Sie...ja?... könnte meine Frau einen neuen Glückskeks bekommen, sie ist nicht zufrieden.
Wenig später stand das Tellerchen neben Sybille.
Gilt das überhaupt, fragte Sybille und zierte sich etwas.
Martin beruhigte sie, aber ja.
Sabine brach den Keks mit der Neugierde eines Kindes auf. Wieder las sie lautlos und bewegte die Lippen.
Nun, fragte Martin.
Sie reichte ihm den Zettel und ihre Wangen röteten sich.
„Du wirst mit Deinem Charme und Deiner Persönlichkeit immer Deine Ziele erreichen.“
Martin sah sie an und lächelte.
Na also, sagte er.
33

28
Jun
2008

Altersliebe

Noch einmal dieses Sehnen, das mit jedem Blick
erwidert wird
Noch einmal dieses Bangen, das ein Zurück
sich nicht mehr lohnt
Das Fallen lassen in ein Gefühl, dass das Du
im Ich jetzt wohnt

Das Herze klopfen, die kleine Schwindligkeit,
der Überschwang der Worte,
dass alles noch einmal Erleben, soll mir
vergönnt nun sein?
Die Jugend noch mal kosten, wie einen
schwer süßen Wein?

Ich kann es einfach noch nicht glauben
du bist doch viel zu jung für mich
Ich ermahne mich selbst zur Vernunft
und gebe dir zum Abschied
ein Lächeln, zärtlich Augen streicheln,
weil was geschah,
nie mehr geschieht

Louisa
39

Maria

Der Mann macht es sich gemütlich, ein Glas Rotwein, ein Pfeifchen. Es ist schön, allein zu sein. Keine laute Musik, kein Streit, keine Fernsehnachrichten, er lacht laut. Schnell dreht er sich um, so ein Quatsch, ich bin doch allein. Ich kann lachen, ich kann weinen, wen interessiert das?
Na ja, man leidet immer nur von denen, die einem beobachten. Um ohne Leid durch die Welt zu gehen, muss man nur unerkannt bleiben. Wer sagte das?
Ist doch auch egal. Ich könnte mir eine Kerze anzünden und an Nichts denken.
Nirwana, der Mann lächelt, kann man auch erreichen, wenn man die Stufe der Weisheit überspringt. Na, ich guck noch mal, ob eine Mail gekommen ist, wobei die einzigen Mails, die mich interessieren, sind die von Cecilia Wambui und ihre Reports über Inspector Magiri in Nairobi. Der Mann lacht, ich kenne beide nicht. Andererseits sind die Internetcafés dort schon geschlossen, sie sind uns zwei Stunden voraus, aber vielleicht war ein Knoten in der langen Leitung. Mal sehen, denkt der Mann und ruft sein e-mail-Programm auf. O, da ist eins, sieht er und holt es vom Server. Wer ist denn das? Auf jeden Fall nicht Cecilia Wambui, eine Maria@gmx.de und Betreff: Einsamkeit.
Hm, denkt der Mann, ob ich es einfach lösche, ist schließlich gefährlich, schwupps hat man einen Virus drin oder einen Pornodealer.
Er pafft erst einmal ein paar Züge aus der Pfeife und trinkt einen Schluck. Ach was, denkt er, was hatte dieser Kerl neulich für ein Motto: Lebe einsam, wild und gefährlich. Er lacht schon wieder laut, dann drückt er auf "lesen":
„Ich denke an dich und weine. Bitte antworte mir.“
Was soll denn das, denkt der Mann, ich kenn keine Maria, warum weint sie, und warum denkt sie an mich? Na gut, die Kerze und das Nirwana können warten.
Er tippt:
„Vergiss mich und hör auf zu heulen, wer bist du überhaupt?“
Dann drückt er auf „Antwort senden“ und ab das Ding. Er verlässt das Internet und beschließt, die Kerze anzuzünden. Aber irgendwie zieht es ihn doch wieder zum Computer.
Tatsächlich, schon wieder sie. Das ist ja wie im Chat.
„Ich bin Maria und weine um dich. Bitte antworte mir.“
Er lacht. Hier erlaubt sich jemand ein Scherz. Also, da halte ich mit. Die Kerze ist immer noch nicht angezündet.
Der namenlose Mann tippt schnell. Wie immer.
„Solltest du die Heilige Jungfrau Maria sein, ich bin nicht gläubig, und es gibt wirklich keinen Grund zum Weinen, gute Nacht.“
So. Er kann es nicht verhindern, er wartet noch auf eine Antwort.
Es geht wirklich schnell.
„Du denkst, du schummelst dich mit Scherzen durch bis zum Schluss, oder, darum weine ich, was ist der Sinn deines Lebens? Bitte um Rückantwort.“
O weia, Esoterik pur, denkt der Mann. Gut, komm ich ihr mit Goethe. Er tippt.
„Dein wahres Glück – oh Menschenkind,
so denke doch mitnichten,
dass es erfüllte Wünsche sind,
es sind erfüllte Pflichten!
Einmal in der Woche gehe ich zu einer Kontakt- und Beratungsstelle für psychisch Kranke, und dort spiele ich Klavier, Sonata facile und so. Bitte um keine Rückantwort.“
Ab das Ding, und er schaltet den Computer aus. Dann zündet er endlich die Kerze an. Doch das Nirwana verschließt sich ihm. Was will diese Frau? Ist das überhaupt eine? Maria, Maria, Maria. Er singt ein wenig. Und doch geht er wieder zum Computer.
Natürlich ist eine Mail da. Von ihr, von wem sonst?
„Und die anderen Tage, ich weine immer noch, Maria. Bitte um Rückantwort.“
Mein Gott, denkt der Mann, was will sie. Jeder Tag ist anders. Ich atme, esse, trinke.
Er denkt eine Weile nach. Er seufzt. Schließlich tippt er die Antwort:
„Heute abend zünde ich eine Kerze an und weine um dich, Maria.“
Warum lässt sie ihn jetzt warten. Da haben wir den Salat, denkt er.
Endlich kommt eine Mail.
Sie schreibt:
„Danke und gute Nacht, Maria.“

Jetzt weiß der Mann, er kann wirklich die Kiste ausschalten. Die halbe Nacht sitzt er bei seiner Kerze. Er weint.
56

27
Jun
2008

Fußball gucken mit einer Indianerin

Die junge Frau ist schön. Sie hat das Gesicht einer Indianerin, rotbraun mit breiten Wangenknochen und einer flachen kleinen und niedlichen Nase, allerdings mit Sommersprossen übersät, dickes schwarzes Haar, das bis auf das weiße glänzende T-Shirt fällt. Sie begrüßt die Kellnerinnen und Kellner des großen türkischen Restaurants sehr herzlich, jede und jeden mit Kuss rechts und Kuss links, sie vergisst keinen.
Ich habe meinen Platz an dem einzigen nicht reservierten Tisch gefunden und strecke die Beine weit von mir. Der Tisch ragt so in eine Lücke hinein, eine Lücke zur Straßenseite hin. Wie ich sehe, sind da draußen schon alle Plätze besetzt. Zuerst trinke ich einen starken Kaffee und rauche mein Pfeifchen. Schließlich geleitet ein Kellner die junge Frau zum Tisch vor mir, reserviert natürlich. Die große Leinwand an der Wand ist noch glatt und matt, den Bildwerfer schalten sie demnächst an.
Mindestens zehn Frauen und Männer machen sich bereit zur großen Schlacht, zum Spiel. Sie huschen hinter der Theke hin und her, da rückte noch einer ein paar Stühle herum vor der Leinwand, hier packt ein Mädchen einen Karton mit schwarzen Servierschürzen aus und verteilt diese. Einer steht etwas abseits neben der Kaffeemaschine und löffelt ein Eis... ein anderer bringt aus einen hinteren Lagerraum einen Karton mit neuen Gläsern... nach und nach trudeln Gäste ein und suchen Plätze. Ein Mann hakt auf einem Zettel die Bestellliste ab und weist die Gäste ein... das Personal ist wie ein Bienenschwarm, der sich langsam vor dem Korb zentriert, das summende Geräusch wird lauter. Zwei große Räume sind zu bewirtschaften, je eine Leinwand, ein Nichtraucherraum, in dem die ersten Gäste essen und der Raucherraum, ich bestelle ein Bier...
Zwei Türken tragen große Fernsehgeräte nach draußen für die Gäste, die auf der Straße sitzen. Einer klettert auf einen Barhocker und hantiert an dem Projektor, bis plötzlich die unsäglichen Moderatoren des Fernsehsenders auf der Leinwand erscheinen. Die Gäste strömen ins Lokal, bald sind alle Tische besetzt, meist von einzelnen, die dann die Plätze für die Freunde frei halten.
Ich bin immer noch allein an meinem Tisch, genau genommen hat man hier auch nur von meinem Platz aus eine gute Sicht auf das Bild.
Kerner schwatzt wieder dummes Zeug, dazu braucht 's gar keinen Ton, um das zu wissen. Wieder einmal erinnert er mich an einen rothaarigen Cousin aus der Kinderzeit, der sich in der Schule immer in den Vordergrund drängelte und keiner mochte ihn leiden, selbst die Lehrer nicht, bei denen er schleimte. Er versuchte das Kunststück, sich gleichzeitig bei seinen Mitschülern lieb Kind zu machen, natürlich vergeblich. Man gähnte, wenn man ihn sah und ging ihm aus dem Weg. So ist Kerner. Jetzt hat er es in die Fernsehstudios geschafft und keiner kann ihm mehr aus dem Weg gehen. Man erträgt ihn am besten mit stoischer Gelassenheit.
Die Frau vor mir raucht nervös und versucht Blicke der Angestellten zu erhaschen, aber niemand hat Zeit für sie... sie wirkt etwas ängstlich.
Da taucht endlich ein junger Mann auf, er bewegt sich geschmeidig wie ein gut durch trainierter Kraftsportler, sein Kopf ist kahl rasiert, er ist braun gebrannt und lacht. Alles an ihm ist schnell und kraftvoll. Die Augen der jungen Frau vor mir leuchten auf. Er beugt sich zu ihr und umarmt sie. Aber dann ist er schon wieder verschwunden und umarmt jeden vom Personal. Er taucht hinter der Theke auf und hantiert. Er gehört hier zur Truppe.
Kurz danach erscheint er mit zwei Gläsern, wahrscheinlich Cocktails darin. Und er setzt sich zu der Frau, zu der Indianerin, sie glänzt wieder vor Freude. Er legt den Arm um ihre Schultern und küsst sie. Dann klingelt sein Handy. Gleich nach dem Telefonat springt er wieder auf – und die Indianerin ist wieder allein. Obwohl der Freund offenbar einen freien Tag hat, eilt er nun hin und her und hilft seinen Kollegen. Ab und an setzt er sich wieder zu ihr wie eine Biene auf eine Blüte, um einen Schluck Nektar zu trinken, das heißt, er holt sich einen Kuss.
Dazwischen sitzt sie allein am Tisch wie ich. Im Gegensatz zu mir schaut sie jedoch etwas traurig drein, so, wie ein nutzloses Möbelstück mit Seele. Sie raucht hastig.
Langsam wird es voll. Es wird noch emsig umgestellt. Der Freund der Indianerin fragt mich, ob ich meinen Tischplatz mit dem seiner Freundin tauschen würde. Er hat ein herzliches offenes Lachen.
Nun sitze ich noch günstiger, hinter mir haben sie zwei Tische zusammen gestellt.
Dicht vor der Leinwand stehen jetzt die Stuhlreihen wie im Kino. Zwei Kellner und der Freund der Indianerin machen eine Weg frei zur Toilette. Ich drehe mich um. Sie sitzt jetzt genau in der äußeren Ecke der Nische und kann wahrscheinlich fast nichts von der Leinwand sehen, hauptsächlich kann sie nun meinen Rücken und den Hinterkopf betrachten. Ich bedeute ihr, dass ich mich möglichst klein machen werde, sie lächelt traurig und winkt ab. Es wäre nicht so schlimm. Wieder ist sie allein.
Inzwischen ist das Restaurant dicht gedrängt gefüllt mit schwitzenden Menschenleibern.
Das Spiel beginnt. Die jungen Leute auf den Stuhlreihen vor mir sind wahrscheinlich Studenten. Sie diskutieren lebhaft und verfolgen das Spiel nur mit halbem Interesse.
Neben mir sitzt plötzlich der etwas ältere Kellner, der die Platzierungen vornahm.
Als die Türken das 1:0 schießen springt er auf und schießt zwei längliche Pappröhren ab, über die Studentengruppe hinweg, welche betreten die Köpfe einzieht, während hinter mir das türkische Personal jubelt, auch einzelne Gäste. Überall segeln bunte Papierschnitzel umher.
Ich drehe mich um und sehe das lachende Gesicht des Freundes der Indianerin. Ich halte den Daumen hoch und lache mit. Sie wirkt seltsam unbeteiligt. Da vor mir ein Hüne wie Majakowski Platz genommen hat, kann ich mich nicht mehr so klein machen. Ich tippe ihm auf die Schulter, und er dreht sich erstaunt um. Ob er nicht ein Stück nach rechts ausweichen könne wegen der Sicht, bitte ich ihn. Das tut Majakowski dann auch. Plötzlich legt sich eine schlanke Hand auf meine Schulter, ich drehe mich um, und die Indianerin sagt, ich solle mir keine Sorgen machen, für sie wäre das nicht so wichtig.
Kurz danach schießen die Deutschen das Gegentor. Ich klopfe dem Türken, der eben gerade die Pappröhren abgeschossen hatte auf die breite Bodybuilderbrust und sage tröstend, take it easy. Zwischen uns huschen die Kellnerinnen mit Tabletts voller Biere. Der Türke lächelt kläglich, aber freundlich.
Dann bin ich im Bann des Spiels.
Als die Türken 2:2 ausgleichen, drehe ich mich um. Der Freund der Indianerin strahlt mich an. Vielleicht erleben wir noch ein Elfmeterschießen, sage ich. Vielleicht, antwortet er, er lächelt.
Die Indianerin raucht und träumt abwesend.
Bei jedem Tor der Deutschen kreischen die Studentinnen vor mir und reißen die Arme hoch.
In der 90. Minute schießt Lahm sein Führungstor.
Ich sehe den Freund der Indianerin am Tresen auf einem Barhocker sitzen. Er lacht und hält einen Daumen hoch.
Ich drehe mich um. Sie sitzt ganz allein und träumt traurig.
Schönes Spiel, frage ich sie.
Ja, sie lächelt dünn.
Bevor ich gehe, nehme ich zwei bunte Papierschnipsel und lege sie dem Schützen auf die Schultern zum Trost. Ist schon okay, sagt er und lacht.
Auf der Straße kommen die Autos nur im Schritttempo durch. Überall ziehen durch den lärmenden Jubel Rauchschwaden von Raketen, als wäre das Land im Bürgerkrieg. Die Türken mit ihren Fahnen reihen sich problemlos ein unter die feiernden deutschen Fans.
Eilig gehe ich nach Hause. In der Halbzeitpause brachten sie die Lottozahlen. Ich werde doch kein Millionär geworden sein...
Kurz vor meinem Zuhause passiere ich die Kirche. Auf den Stufen hat sich eine Gruppe dunkel gekleideter Punks nieder gelassen, als wartet sie auf eine Beerdigung. Unter den schwarzen Haaren die müden weißen Gesichter glanzlos. Ich glaube nicht, dass irgend einer Interesse an Fußball hat...
Vor dem Computer hole ich mir die Lottozahlen aus dem Internet... es ist nur ein kleiner Gewinn.
Auch gut, ich zische noch ein Bier und rauche ein Pfeifchen und sitze vorm Fernseher, dass sie endlich den Kerner zum Verstummen bringen.
In der Nacht träume ich von Indianern.
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mukono - 20. Jun, 00:54
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mukono - 5. Jun, 02:04
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mukono - 5. Jun, 00:54
Die Zukunft gehört...
dann wird man eben Laptops herstellen, die sich wie...
mukono - 25. Mai, 13:10

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