Mein kleiner lieber Kobold
Es dauert immer eine Weile, ehe ich nach dem Mittagsschlaf zu mir komme. Was ist überhaupt los? Wo bin ich? Langsam finde ich mich zurecht, ich bin zu Hause, in Deutschland, in Berlin und liege auf meiner Couch, die wollene grüne Decke habe ich anscheinend im Schlaf mit den Füßen von mir gestoßen. So, jetzt weiß ich Bescheid. Vor dem Einschlafen hatte ich doch noch mit meiner Tochter telefoniert. Die Kleine, ist einfach abgehauen aus dem Krankenhaus, „merkt eh keiner, abends bin ich wieder da.“ Ich muss mich erst mal aufrichten, Blei in den Adern, ich brauch' jetzt einen Kaffee. Ich hatte sie doch etwas gefragt, ach, wegen ihrer Schwangerschaft, ist nicht so wichtig.
Der Mund verzieht sich von allein zum Gähnen, jetzt aber hoch. Ich schalte das Flurlicht an, das heißt, ich möchte es gern anschalten und – es knallt laut. Der Flur bleibt dunkel, ich bin munter. Der Flur ist nicht so dunkel wie in der Nacht, rabenschwarz, wenn die Gespenster spuken. Es bleibt noch genügend Licht aus der Stube, der Flur ist dämmrig, und ich überblicke sofort die Sachlage. Am anderen Ende des langen Flures ist eine Lampe explodiert, der Knall setzte sich genaugenommen aus zwei Knallen zusammen, einmal das helle Klirren der Lampe und zum anderen das harte Klacken der Sicherung. Was soll das? So eine schöne große weiße Lampe, groß wie ein Handball. Kann doch nicht einfach explodieren, das ist ja wie ein Mordanschlag. Haben sie hier in Deutschland keine Sicherheitsbestimmungen in der Lampenindustrie? Sie haben doch sonst für alles Bestimmungen. Und so eine Lampe ist teuer.
Na ja, ich trete erst einmal vorsichtig über die Scherben in die helle Küche und bereite den Kaffee vor. Dabei singe ich, bin ja schließlich allein, hört keiner meine falschen Töne.
Ich bin brech' die Herzen der stolzesten Frauen, weil ich so lalala bin, mir braucht nur eine in die Augen zu schau'n – und schon ist sie hin. Während dessen brodelt und zischt die Kaffeemaschine, scheinbar empört sie mein Gesang. Ich fege die Scherben auf, klacke die Sicherung wieder ein. Die zweite Lampe leuchtet. Na, zum Glück, finde ich immer noch ein Buch, wenn ich es suche. So, ein paar Zigaretten stopfen, Kaffee, Aschenbecher, auf den Sessel fläzen, schalte ich mal die Maschine an. Sie braucht wie immer ihre Zeit. Mein kleiner grüner Kaktus, bambambambamba. Der heiße Kaffee ist gut, den ich schlürfe, hört ja schließlich keiner.
Was mache ich nun, gehe ich gleich in Words, die Geschichte will schließlich raus, ach, ich gucke erst mal ins Internet, das Anwählen, dazwischen das Summen wie von einer Hornisse, jetzt bin ich drin, kann mich keiner mehr anrufen, und das ist gut so, ich hasse das Telefonieren. Zzzschi, irgend etwas zischte an mir vorbei, streifte direkt mein Ohr. Was war das? Nun höre ich ein Kichern, es ist übermütig, zum einen glockenhell, aber es ist auch ein Klirren darin wie vorhin die Lampe. Es spielt hier jemand einen Schabernack mit mir. Ich bin doch allein, oder.
Auf dem Bildschirm baut sich die Leiste über Start auf, ohne dass ich die Maus in der Hand halte, dann: wollen Sie den Computer herunterfahren, ja oder abbrechen, der Pfeil geht auf das Ja, klick, ich tue gar nichts, ein Summen, das Standbild, und alles bricht zusammen. Der Computer ist vom Netz und ausgeschaltet, schwarzer Bildschirm, totes Auge.
„Was soll das, spinnt das Ding?“
Wieder ertönt dieses seltsame Kichern. Jetzt höre ich, wo es herkommt. Auf meiner Deckenlampe sitzt ein kleines Wesen.
„Das war ich“, sagt das Wesen und kichert wieder. Und dann singt es. Dein kleiner lieber Kobold, bambambambamba, lalalalala.
„Du kommst aus dem Internet:“
Das Wesen kichert wieder. „Ein virtueller Kobold.“
Dann fasst es das Gestänge der Lampe an, zieht sich einmal hoch und dann in voller Länge mit gestreckten Armen saust es herum, Riesenwelle, nennen die Turner das.
„He, pass auf“, rufe ich, „du knallst mir hier noch auf den Teppich!“
Mitten im Herumsausen ruft es:
„Dann fängst du mich auf!“
„Nee, nee, so schnell bin ich nicht.“
Der Kobold setzt sich wieder auf die Stange und hält sich mit beiden Händen fest.
„O, jetzt ist mir schwindlig.“
Ich habe es geahnt. Die Schnelligkeit habe ich mir wirklich nicht zugetraut, na, wenn es darauf ankommt, wächst man über sich selbst hinaus. Ich katapultiere mich aus meinem Sessel und bin tatsächlich rechtzeitig zur Stelle. Das Wesen knallt mir direkt in die Arme.
„Siehst du, du hast mich doch aufgefangen!“ Und das Wesen zupft mir so ein wenig liebevoll am Ohrläppchen.
Ich setzte den Kobold behutsam auf meinen Korbsessel, auf den ich immer die Füße hochlege beim Schreiben, während ich die Tastatur auf dem Schoß ablege.
„Sag mal mein kleiner lieber Kobold, vorhin, das mit der Lampe, warst du das?“
Der Kobold grinst.
„Psst.“
„Aber ich war doch noch gar nicht im Internet?“
Der Kobold hockt in meinem Korbsessel und grinst unentwegt.
„Alles musst du nicht wissen.“
Ich schaue das klitzekleine Wesen an, und es schaut mich an. Wir schweigen lange, lange Zeit. Da kommt mir die Erleuchtung.
„Mein Nachbar, der surft doch andauernd im Internet. Über die Nachbarwohnung bist du auch an die Elektrik gekommen, denn die Zuleitung für beide Wohnungen ist die gleiche.“
„Schiet“, sagt der Kobold, „wie hast du das rausgekriegt?“
„Schließlich war ich einst Elektriker.“
Nun lachen wir beide.
„Das sage ich, es ist nichts passiert, aber die Lampe ist teuer.“
Jetzt bin ich streng und guck auch so.
Das Wesen versteckt ein wenig sein Köpfchen, wie ein kleines Kind, das sich schämt.
„Dafür erfülle ich dir einen Wunsch.“
„Was für einen Wunsch, ich bin wunschlos glücklich.“
„Wirklich?“
Was ist mit diesem Kobold? Wie gut kennt er mich? Habe ich schon zuviel Texte ins Internet gegeben?
„Ich kann mich zum Beispiel verwandeln“, flüstert das Wesen leise.
„Wie verwandeln?“
„In jeden Menschen, den du jetzt bei dir haben möchtest.“
Nun klopft mein Herz. Es hat tatsächlich meinen einzigen Schwachpunkt entdeckt. Ich seufze.
Dann sitzt sie da im Korbsessel, leibhaftig, ihre Augen leuchten, und sie lächelt. Ihre strahlend weißen Zähne in dem schwarzen Gesicht, sie ist so schön.
„How do you do. I hope, fine.
`”Yes, I am fine and you?”
“Also.”
“I want you give a kiss.”
“Yes, yes.”
Ich beuge mich vor, um sie zu küssen, möchte sie umarmen, da schrumpft sie zusammen zu dem kleinen Kobold. Er kichert.
„Alles nur Fantasie, virtuelle Gedanken.“
Ohne ein Wort zu verlieren, schalte ich die Maschine ein, da kann der kleine liebe Kobold noch so traurig gucken, hinein ins Internet – und zzzschi heraus aus meinem Korbsessel.
Und ich kann endlich wieder meine Füße hochlegen.

Der Mund verzieht sich von allein zum Gähnen, jetzt aber hoch. Ich schalte das Flurlicht an, das heißt, ich möchte es gern anschalten und – es knallt laut. Der Flur bleibt dunkel, ich bin munter. Der Flur ist nicht so dunkel wie in der Nacht, rabenschwarz, wenn die Gespenster spuken. Es bleibt noch genügend Licht aus der Stube, der Flur ist dämmrig, und ich überblicke sofort die Sachlage. Am anderen Ende des langen Flures ist eine Lampe explodiert, der Knall setzte sich genaugenommen aus zwei Knallen zusammen, einmal das helle Klirren der Lampe und zum anderen das harte Klacken der Sicherung. Was soll das? So eine schöne große weiße Lampe, groß wie ein Handball. Kann doch nicht einfach explodieren, das ist ja wie ein Mordanschlag. Haben sie hier in Deutschland keine Sicherheitsbestimmungen in der Lampenindustrie? Sie haben doch sonst für alles Bestimmungen. Und so eine Lampe ist teuer.
Na ja, ich trete erst einmal vorsichtig über die Scherben in die helle Küche und bereite den Kaffee vor. Dabei singe ich, bin ja schließlich allein, hört keiner meine falschen Töne.
Ich bin brech' die Herzen der stolzesten Frauen, weil ich so lalala bin, mir braucht nur eine in die Augen zu schau'n – und schon ist sie hin. Während dessen brodelt und zischt die Kaffeemaschine, scheinbar empört sie mein Gesang. Ich fege die Scherben auf, klacke die Sicherung wieder ein. Die zweite Lampe leuchtet. Na, zum Glück, finde ich immer noch ein Buch, wenn ich es suche. So, ein paar Zigaretten stopfen, Kaffee, Aschenbecher, auf den Sessel fläzen, schalte ich mal die Maschine an. Sie braucht wie immer ihre Zeit. Mein kleiner grüner Kaktus, bambambambamba. Der heiße Kaffee ist gut, den ich schlürfe, hört ja schließlich keiner.
Was mache ich nun, gehe ich gleich in Words, die Geschichte will schließlich raus, ach, ich gucke erst mal ins Internet, das Anwählen, dazwischen das Summen wie von einer Hornisse, jetzt bin ich drin, kann mich keiner mehr anrufen, und das ist gut so, ich hasse das Telefonieren. Zzzschi, irgend etwas zischte an mir vorbei, streifte direkt mein Ohr. Was war das? Nun höre ich ein Kichern, es ist übermütig, zum einen glockenhell, aber es ist auch ein Klirren darin wie vorhin die Lampe. Es spielt hier jemand einen Schabernack mit mir. Ich bin doch allein, oder.
Auf dem Bildschirm baut sich die Leiste über Start auf, ohne dass ich die Maus in der Hand halte, dann: wollen Sie den Computer herunterfahren, ja oder abbrechen, der Pfeil geht auf das Ja, klick, ich tue gar nichts, ein Summen, das Standbild, und alles bricht zusammen. Der Computer ist vom Netz und ausgeschaltet, schwarzer Bildschirm, totes Auge.
„Was soll das, spinnt das Ding?“
Wieder ertönt dieses seltsame Kichern. Jetzt höre ich, wo es herkommt. Auf meiner Deckenlampe sitzt ein kleines Wesen.
„Das war ich“, sagt das Wesen und kichert wieder. Und dann singt es. Dein kleiner lieber Kobold, bambambambamba, lalalalala.
„Du kommst aus dem Internet:“
Das Wesen kichert wieder. „Ein virtueller Kobold.“
Dann fasst es das Gestänge der Lampe an, zieht sich einmal hoch und dann in voller Länge mit gestreckten Armen saust es herum, Riesenwelle, nennen die Turner das.
„He, pass auf“, rufe ich, „du knallst mir hier noch auf den Teppich!“
Mitten im Herumsausen ruft es:
„Dann fängst du mich auf!“
„Nee, nee, so schnell bin ich nicht.“
Der Kobold setzt sich wieder auf die Stange und hält sich mit beiden Händen fest.
„O, jetzt ist mir schwindlig.“
Ich habe es geahnt. Die Schnelligkeit habe ich mir wirklich nicht zugetraut, na, wenn es darauf ankommt, wächst man über sich selbst hinaus. Ich katapultiere mich aus meinem Sessel und bin tatsächlich rechtzeitig zur Stelle. Das Wesen knallt mir direkt in die Arme.
„Siehst du, du hast mich doch aufgefangen!“ Und das Wesen zupft mir so ein wenig liebevoll am Ohrläppchen.
Ich setzte den Kobold behutsam auf meinen Korbsessel, auf den ich immer die Füße hochlege beim Schreiben, während ich die Tastatur auf dem Schoß ablege.
„Sag mal mein kleiner lieber Kobold, vorhin, das mit der Lampe, warst du das?“
Der Kobold grinst.
„Psst.“
„Aber ich war doch noch gar nicht im Internet?“
Der Kobold hockt in meinem Korbsessel und grinst unentwegt.
„Alles musst du nicht wissen.“
Ich schaue das klitzekleine Wesen an, und es schaut mich an. Wir schweigen lange, lange Zeit. Da kommt mir die Erleuchtung.
„Mein Nachbar, der surft doch andauernd im Internet. Über die Nachbarwohnung bist du auch an die Elektrik gekommen, denn die Zuleitung für beide Wohnungen ist die gleiche.“
„Schiet“, sagt der Kobold, „wie hast du das rausgekriegt?“
„Schließlich war ich einst Elektriker.“
Nun lachen wir beide.
„Das sage ich, es ist nichts passiert, aber die Lampe ist teuer.“
Jetzt bin ich streng und guck auch so.
Das Wesen versteckt ein wenig sein Köpfchen, wie ein kleines Kind, das sich schämt.
„Dafür erfülle ich dir einen Wunsch.“
„Was für einen Wunsch, ich bin wunschlos glücklich.“
„Wirklich?“
Was ist mit diesem Kobold? Wie gut kennt er mich? Habe ich schon zuviel Texte ins Internet gegeben?
„Ich kann mich zum Beispiel verwandeln“, flüstert das Wesen leise.
„Wie verwandeln?“
„In jeden Menschen, den du jetzt bei dir haben möchtest.“
Nun klopft mein Herz. Es hat tatsächlich meinen einzigen Schwachpunkt entdeckt. Ich seufze.
Dann sitzt sie da im Korbsessel, leibhaftig, ihre Augen leuchten, und sie lächelt. Ihre strahlend weißen Zähne in dem schwarzen Gesicht, sie ist so schön.
„How do you do. I hope, fine.
`”Yes, I am fine and you?”
“Also.”
“I want you give a kiss.”
“Yes, yes.”
Ich beuge mich vor, um sie zu küssen, möchte sie umarmen, da schrumpft sie zusammen zu dem kleinen Kobold. Er kichert.
„Alles nur Fantasie, virtuelle Gedanken.“
Ohne ein Wort zu verlieren, schalte ich die Maschine ein, da kann der kleine liebe Kobold noch so traurig gucken, hinein ins Internet – und zzzschi heraus aus meinem Korbsessel.
Und ich kann endlich wieder meine Füße hochlegen.

Mukono - 6. Jul, 18:52
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